Angst vor dem großen Knall: Der finanzielle Schaden von Workaholismus für Unternehmen ist enorm. Wie Firmen vorbeugen.
Bis spät im Büro sitzen, mitten in der Nacht E-Mails beantworten, keinen Urlaub nehmen und falls doch die ganze Zeit telefonisch erreichbar sein, krank zur Arbeit gehen, am Wochenende präsent sein - rund um die Uhr
arbeiten, das ist es, was sich Unternehmen von ihren Mitarbeitern wünschen. Denkt man. "Doch wer sich für unersetzlich für die Firma hält, der ist auf dem besten Weg, Workaholic zu werden", erklärt Gabriele Böhm, Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Innergieakademie in Schweinfurt. Und das kann keinem Arbeitgeber gefallen.
Denn Workaholismus, das ist mehr als nur viel arbeiten. "Es ist eine Suchterkrankung. Die Arbeit gibt Befriedigung. Wer arbeitssüchtig ist, flieht häufig vor der Realität, vor der Familie oder privaten Problemen", weiß Jan Kuhnert, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Imar in Leubsdorf bei Bonn und Vorsitzender des Fachverbandes Personalmanagement beim Bundesverband deutscher Unternehmensberater. "Gefährdet sind in Deutschland schätzungsweise eine Million Arbeitnehmer", so Kuhnert.
Und das hat Folgen für die Unternehmen. Denn häufig wird bei Workaholismus übersehen, dass die finanziellen Schäden enorm sind. "Oft kommt es durch Arbeitssucht zum Schlaganfall, Herzinfarkt, einer Depression oder einem Bandscheibenvorfall", erklärt Kuhnert. Alles Krankheiten, die langfristige Ausfälle von bis zu sechs Monaten vorprogrammieren. "Experten rechnen für ein halbes Jahr Ausfall mit Kosten von 35.000 bis 50.000 Euro", sagt Jan Kuhnert.
Doch das ist noch nicht alles. Denn wer arbeitssüchtig ist, ist nicht unbedingt effektiv und produktiv. "Ein Motor, der ständig mit 5000 Touren läuft, läuft eben irgendwann heiß, dann geht nichts mehr", urteilt Gabriele Böhm. Soll heißen: Zu wenig Entspannung sorgt häufig für eine hohe Fehlerquote Die Unternehmensberaterin nennt Beispiele aus ihrer Berufspraxis: "Ein Produktionschef hatte über 70 Prozent Ausschuss. Kosten: 900.000 Euro. Einem Berater sind die Kunden weggebrochen, weil er fahrig und unzuverlässig wirkte. Die Branche erreichte ein Wachstum von 16 Prozent, er nach drei Jahren nur noch vier Prozent. Drittes Beispiel: Durch einen arbeitssüchtigen Entwickler wurde eine Firma von der Konkurrenz überholt und verlor ein Jahr an Vorsprung".
Grund genug also für Unternehmen, sich gegen Arbeitssucht in der Belegschaft zu schützen. Der Sparkasse Rhein Nahe in Bad Kreuznach zum Beispiel sind Mitarbeiter mit bis zu 250 Überstunden pro Jahr bekannt. Rolf Walz, Bereichsleiter Personal: "Anlass dafür sind häufig ein ineffizienter Arbeitsstil und mangelnde Delegation. Die Folge ist eine schlechte Vorbereitung, Hektik im Arbeitsalltag und stressbedingte Fehlzeiten nach besonders wichtigen Terminen". Das Kreditinstitut bietet in diesen Fällen Seminare zur Arbeitstechnik und Persönlichkeitsbildung an. "Schließlich haben wir als Arbeitgeber auch eine Fürsorgepflicht", so Walz.
Ulrich Roth, Geschäftsführer der Marketingagentur Roth und Lorenz bei Stuttgart, wählt einen ähnlichen Weg: "Es gibt immer wieder qualifizierte Mitarbeiter, die nicht gut mit ihrer Zeit umgehen können. Wir schicken sie darum zu Zeitmanagement-Seminaren". Deutliche Zeichen sind für ihn zu viele Flüchtigkeitsfehler in E-Mails oder ausbleibende Reaktionen auf Anfragen. "Die von uns angebotenen Entspannungstrainings wurden kaum nachgefragt", so Roth. "Bessere Erfahrungen machen wir mit einem informellen und spontanen Feierabendbier um mal abzuschalten".
Auch Unilever in Hamburg sorgt vor. Dort gibt es schon seit 2001 ein innerbetriebliches Fitnessprogramm mit unterschiedlichen Entspannungsübungen wie zum Beispiel Yoga. Die Jahrtausendealten Übungen werden zwar noch immer oft milde belächelt, doch "Yoga hat nichts mit Religion oder Esoterik zu tun", erklärt Katja Thomsen. Sie schult Lehrer, die in Unternehmen Yoga für die Mitarbeiter anbieten und hat ein bundesweites Netzwerk gegründet. "Die Nachfrage nach 'Yoga in der Mittagspause{{{ steigt. Denn es ist eine Disziplin für Körper und Geist. So lassen sich mangelnde Bewegung und fehlende Entspannung wunderbar ausgleichen", weiß sie. Zusätzlich bietet Unilever eine allgemeine Lebensberatung, um die Balance zwischen Arbeit und Privatem zu erhalten und das so genannte Burn-Out-Syndrom zu verhindern. "Die Resonanz ist super", sagt Arbeitsmediziner Olaf Tscharnezki. "13 Prozent der Hamburger Belegschaft und fast neun Prozent aus Buxtehude nehmen das Programm in Anspruch". Der Mitarbeiter soll so einen Anstoß bekommen, seine Probleme zu lösen. Tscharnezki ergänzt: "Die Batterien sind eben irgendwann leer und müssen neu aufgeladen werden. Tut man das nicht, geht die Batterie kaputt". So wie bei Karl (Name geändert) aus Köln. Er hat zu Zeiten der New Economy in der IT-Branche gearbeitet. "Feierabend gab es bei mir nicht", sagt er. 2002 kam dann der große Knall: Er konnte einfach nicht mehr arbeiten. War völlig blockiert. Seither ist er krank geschrieben und in Therapie, macht zusätzlich Entspannungsübungen. Und geht regelmäßig zu den Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS), einer bundesweiten Selbsthilfegruppe. "Ich kämpfe noch immer", sagt er. "Aber die Gruppe gibt mir Rückhalt". Die AAS bieten in vielen Städten 40 regelmäßige Gesprächsrunden an. Infos unter www.arbeitssucht.de.
Achtung Arbeitssucht
Workaholismus ist eine Krankheit. Betroffene flüchten vor der Realität in die Arbeit, bekommen dort die Bestätigung, die sie beispielsweise zu Hause vermissen. Anzeichen dafür sind oft sehr spät verschickte Mails, Flüchtigkeitsfehler, Druck auf und überzogene Anforderungen an die Mitarbeiter, Hektik, zu viele Überstunden. Folgen sind in der Regel psychosoziale Erkrankungen wie häufige Kopfschmerzen und Magenverstimmungen, Rücken- und Nackenbeschwerden, Bandscheibenvorfälle, Herzinfarkt, Schlaganfall. Meistens fällt der Betroffene für längere Zeit bei der Arbeit aus, oft kommt er nicht wieder. Anlaufstelle kann neben dem Haus- oder Betriebsarzt auch die Selbsthilfegruppe Anonyme Arbeitssüchtige sein. betbla)