Mit 10 PS über die Alpen
Den Namen Vespa kennt jeder in der Rollerszene, doch wie steht es mit APE? Drei Buchstaben, drei Räder. Die APE ist ein Teil der italienischen Nachkriegsgeschichte, ein echt italienischer Kleinlaster mit Vespamotor. APE heißt übrigens Biene, genau so wie Vespa Wespe bedeutet.
Weil diese sympathischen Fahrzeuge
hierzulande kaum anzutreffen sind, beschlossen wir, das "APE-Team", so eine Biene nach Deutschland zu holen. Auf eigner Achse, von Italien nach Hannover über die Alpen sollte die Reise gehen. Die APE ist ein echt-italienisches Arbeitstier. Sie gehört zu Italien, wie der Barbera nach Piemont oder das Pesto nach Ligurien. In jedem italienischen Bergdorf, dort wo dickleibigere Fahrzeuge nicht mehr durchkommen, ist die APE zu Hause.
Dass dieses Unterfangen mit kleinen und größeren Problemen behaftet sein würde, kann man sich leicht ausrechnen: die APE bringt es auf satte 10 PS, kann mehr zuladen als sie selbst wiegt und schafft am Berg gerade mal 15 Stundenkilometer. Trotzdem kommt Motorrad-Feeling auf: Eine atemberaubende Geräuschkulisse baut sich auf, wenn die 218 Kubikzentimeter des Zweitaktmotors an den Start gehen.
Auf dem Rücken einer alten Ténéré machten wir uns Ende August auf den Weg nach Bella Italia und begutachten viele APEn, doch niemand möchte so richtig verkaufen. Von einem 'Signore Ferrari' (Piaggio Italien) bekommen wir den entscheidenden Tipp: Nicht in Piemont, sondern in Ligurien an der Riviera sollten wir uns an einen der vielen Piaggio-Stützpunkte wenden. Unser Base-Camp verlegen wir von unserem Bekannten, einem Käsebauern aus Piemont näher ans Meer. Besseres Wetter und viel mehr "Bienen" lassen den Ortswechsel als goldrichtig erscheinen. In San Remo, pünktlich zum Start der gleichnamigen Rallye finden wir sie dann, unsere alte APE P 601, ein Exemplar mit Rollerlenker. Optisch gut in Schuss hat sie auf dem Garagenhof eines Piaggio Centers einen mehrjährigen Dornröschenschlaf hinter sich gebracht. Nach Schönheitsreparaturen und einem Berg voll Formalitäten nehmen wir Abschied, laden die Ténéré Huckepack auf die APE-Ladefläche und starten zur ersten Bewährungsprobe, dem Tendapass.
Bei Höchstgeschwindigkeit nähert sich der Tachozeiger gerade mal der 50 km/h-Marke, bergauf ist es nicht mal die Hälfte. Kleine Abkühlpausen und extreme Steigungen zwingen uns in den 2. Gang, in dem die Biene nur 15 km/h schafft. Ausgerechnet heute macht der Tunnel wegen einer Baustelle eine Stunde vorher dicht. Etwas abgekämpft vom Lärm der keuchenden Biene finden wir einen schönen Schlaffplatz an der alten, stillgelegten Tende-Straße.
Wir sind mit italienischem Nummernschild unterwegs, weswegen wir in Italien nicht sonderlich auffallen. Im Gegenteil. So mancher Lkw-Fahrer fragt uns nach dem Weg. Da die APE in Italien maximal im Umkreis von 50 Kilometern vom Heimatort unterwegs ist, müssen APE-FahrerInnen sich schließlich auskennen. Wieder in Piemont checken wir die Biene noch einmal gründlich durch: einige Verschleißteile müssen dringend ersetzt werden, dann sind wir für den Alpenhauptkamm gewappnet. Unter Turins Wahrzeichen, der Mole Antonelliana, fühlen wir uns im Verkehrschaos der Großstadt sehr klein. Sehr unterschiedliche Reaktionen ernten wir dort von Einheimischen: Während jüngere ItalienierInnen uns für mehr oder minder verrückt halten, zeigt sich die ältere Generation weniger beeindruckt. Sie sind schließlich mit der APE aufgewachsen und natürlich kann man mit ihr auch hohe Berge überqueren - dafür ist sie ja gemacht!
Auf einem Supermarktparkplatz bei Como kurvt plötzlich eine Carabinieri-Besatzung um unser Dreirad herum. Was haben wir nur verkehrt gemacht? Doch Sie wollen uns nicht kontrollieren, aber eine alte APE mit Motorrad hinten drauf... kommt nicht alle Tage vor. Nach Germania? Verrückt, jedenfalls weiterhin gute Fahrt und vielleicht trifft man sich ja auf dem Münchner Oktoberfest... Nach einigen Motoraussetzern ist ein kleiner Werkstattstopp von Nöten. Die Diagnose der beiden Chefschrauber in Chiavenna: "un problema di carburatore", Vergaser durchblasen und weiter geht's!
In der Nacht hat es den ersten Schnee gegeben, deswegen planen wir für den Splügen besser zwei Tage ein. Am Nachtlager auf halber Höhe wird es schon ordentlich kalt, dann kommt der Gipfelanstieg. Nach einigen Abkühlpausen - auf der Motorabdeckung könnte man Speigeleier braten - nähern wir uns langsam aber stetig der Schneefallgrenze. Die Italienischen Zöllner stecken zwar ihre Nase kurz heraus, stufen eine APE mit blauer Plane als "weniger wichtig" ein, dann hört man wieder das Klacken des Tischkickers...
Zaghaft nähern wir uns bergab dem Schweizer Zoll-Häuschen, doch auch dieser Mann ist uns freundlich gesonnen. Zuerst etwas skeptisch wünscht er uns nach dem Papiere-Check eine gute Fahrt.
Die Schweiz empfängt uns kühl. Am Serpentinenabstieg des Alpen-Nordkammes hat es erwartungsgemäß tiefer heruntergeschneit, die Straßen sind aber weitestgehend schneefrei. Deswegen schafft die APE bergab ungewöhnlich hohe Kilometerschnitte. Österreich und Lichtenstein sind im Rheintal schnell passiert. Angesichts des guten Herbstwetters beschließt das APE-Team auch die restlichen 700 km bis nach Norddeutschland zu summen. Bei einer Rast auf einem Trollinger Weinberg müssen wir den Passanten endlose Fragen beantworten, warum, wohin und wie lange, wie schnell... Wir geben gerne Auskunft.
Ohne größere Pannen erreichen wir im Oktober mit unseren 10 PS unter der Ladefläche und 44 PS auf der Pritsche Hannover. Wie lange es gedauert hat? 14 Tage oder 1600 APE-Kilometer.
Epilog
Die APE ist nun als "Dreirädriges Kfz" zugelassen. "Zulassen" bedeutet in Deutschland für selbst importierte Fahrzeuge einen teils immensen Kostenaufwand. Der Trost: Nachher wird die Dreiradzulassung wesentlich günstiger als die Lkw-Variante.
News & Infos: a href="http://www.markusgolletz.de/ape.htm" target="_blank">www.markusgolletz.de/ape.htm (Artikel von: 21.09.2005, Markus Golletz)