[Home]>Chefetage.

"Deutsche Aufsichtsräte werden schnell nervös"

Klaus Peter Gushurst, Deutschlandchef von Booz Allen Hamilton, kritisiert das kurzfristige Denken in Chefetagen.

Herr Gushurst, wie fest sitzen die deutschen Vorstandschefs im Sattel?

Klaus Peter Gushurst: Die Fluktuationswelle setzt sich auf den Chefsesseln international weiter fort. In Deutschland hat sie ihren absoluten Höhepunkt erreicht. Fast jeder Fünfte muß gehen.

Woran liegt das?

Gushurst: Die leistungsbedingte Fluktuation ist sehr hoch in Deutschland, viel höher als in Amerika. So mancher deutsche Aufsichtsrat wird schnell nervös, neigt zu Überreaktionen und handelt dann zu schnell. Außerdem stecken einige Branchen wie die Industriegüter noch mitten in der Konsolidierung.

Ihre Studie hat ergeben, daß deutsche Vorstandsvorsitzende vergleichsweise kurz amtieren.

Gushurst: Durchschnittlich behalten Vorstandsvorsitzende bei leistungsbedingter Kündigungen ihren Job nur noch zweieinhalb Jahre in Deutschland. Da sollte man sich fragen, macht das Sinn? Eine Verweildauer von unter drei Jahren halte ich für zu kurz. Das führt dazu, daß die neuen Chefs denken, sie müßten um jeden Preis schnell Ergebnisse bringen. Ans langfristige Wohl des Unternehmens denken sie dabei viel zu wenig.

Welche Nachteile bringt das?

Gushurst: Zu kurzfristiges Handeln konzentriert sich meist auf eine reine Verbesserung der Profitabilität. Dies geht meist zu Lasten von Investitionen zur Neuausrichtung. Dabei fehlt häufig eine transparente Darstellung des tatsächlichen Unternehmenszustands. Leider ist das oft verbunden mit einer zu hohen Erwartungshaltung an das Management, oftmals auch gepusht von den Aktienmärkten.

Ihr Rat?

Gushurst: Unternehmen sollten Chefwechsel besser vorbereiten und aktivere Aufsichtsräte einsetzen. Damit ein Wechsel optimal verläuft, sollte er langfristig geplant sein. Wenn Vorstandsvorsitzende von außerhalb geholt werden, sind die Ergebnisse schlechter, als bei internen Kandidaten. Daher sollten die deutschen Unternehmen ihr Nachfolgerproblem in Angriff nehmen und interne Kandidaten frühzeitig auf ihre Aufgabe vorbereiten. Bei unserer Studie fällt immer wieder eines auf: Unternehmen, die gut geführt werden, wählen meist interne Kandidaten als Chefnachfolger aus.

Was müssen die Aufsichtsräte anders machen?

Gushurst: Die Rolle der Aufsichtsräte in Deutschland sollte generell überdacht werden. Im angelsächsischen Raum, vor allem in den USA, sind die Aufsichtsräte viel aktiver. Die bisherige Besetzungspolitik für Aufsichtsräte in Deutschland ist problematisch. Viele haben zu viele Mandate in verschiedenen Unternehmen. Die Unternehmen sollten sich Aufsichtsräte entscheiden, die eindeutig mehr Zeit investieren können und wollen. Ich bedauere die aktuelle Heuschrecken-Debatte sehr. Für viele Unternehmen kann es sich lohnen, einen Anteilseigner mit ins Boot zu nehmen, der ein Interesse daran hat, das Unternehmen strategisch nach vorne zu bringen. Der Schritt aus der Deutschland AG könnte den Unternehmen zu mehr Betriebswirtschaftlichkeit verhelfen.

Weitere nützliche Links:
Der Aufsichtsrat. Fachinformatioen für verantwortungsvolle Überwachung und Beratung in Unternehmen.
Aufsichtsrat - FAZ.NET Börsenlexikon

(Artikel von: 24.08.2005, linpan)