Berlin. alltägliches ..

Ein wenig Lesezeit ist von Nöten für die Erlebnisse - aus dem Sommerloch für's Sommerloch gedacht! So manch ein Thema wurde wissentlich aufgeplustert & in die Länge gezogen und manch anderes wurde einfach nicht zum Thema gemacht. Jedenfalls ist all dies alltägliches. Berlinalltägliches.


So, der Monat seit meiner

letzten Massenmail ist längst rum, es hat sich noch ein weiterer hinzugesellt . und der Verbleib der Verrückten scheint so manch einen vielleicht noch zu interessieren - drum nutz ich die Gunst der Abendstund um ein kleines Update zu versenden, denn Ihr sollt sie hören, die Geschichten um die Wesen, die aus dem silbrigen Cocon schlüpften.

Da gibt es den Linkshänder, der über die Kiezgrenze hinaus das genaue Tages Datum mit weißer Kreide in gleichbleibender Schrift auf den Bordstein in Berlin-Mitte schreibt ... Saturday, 23rd of July 2005 14:37, Saturday, 23rd of July 2005 14:38, Saturday, 23rd of July 2005 14:39, Saturday, 23rd of July 2005 14:40, Saturday, 23rd of July 2005 14:41... wie weit er kam, bevor der elende Regen einsetzte, weiß ich nicht. In Metern waren es vielleicht 30 oder 40 ...

Da gibt es den Netzstrumpfhosenträger mit Rock mit einer dicken Schicht hellblauem Liedschatten, der sich theatralisch um sein täglich Brot bemüht - oder seinen Zigarettenvorrat aufstockt ... wer nix gibt wird belohnt mit einem krächzstimmigen "aaaahhhhhrrrghh, ist auch ein scheiß Job dieses Rumgeschnorre - uaaahhhahahhaaahahaaaa", und ein Funkeln in seinen Augen lässt einen einen gewissen Waaaaaahnsinn ahnen. Unfreundlich ist er aber nicht.

Der wirre blondling aus der letzten Mail hat mittlerweile leicht grüne Haare & den Stofffetzenmann vom Helmholzplatz konnte ich bei seiner Turbanaufwickelaktion mit diversen Stofflappen auf einer Parkbank im Vorübergehen beobachten. Unbetucht schmückt lediglich ein Haarkranz sein Haupt (wie man sieht ein Thema, was auf verschiedenste Art gelöst werden kann ;-) ). An einem arg langsam angegangenen Brunchmorgen am Helmholzplatz ergattert er Nadjas Frühstücksei durch ein unwiederstehliches "I am veeeeeery very hungry, you know". Seither sah ich ihn nicht wieder. Vielleicht betreibt er jetzt Brutpflege!

Ein Azteke tauchte auf der Oderberger Straße auf - und nach ein paar Freunden-den-Prenzelberg-zeigen-Schritten ging uns ein Lichtlein auf: der ganze Mauerpark platzte vor lauter Peruanern, Panflötenmusik & Inkaspeiseeis - sie allesamt feierten ihren Nationaltag. Ich nehme an, sie waren alle echt.

Ob der Pirat, der neulich vor mir die Danziger Straße entlangschlurfte, nach seiner Sippschaft, seinem Schiff oder seiner Beute Ausschau hielt, kann ich nicht sagen - vielleicht war's auch die Suche nach einem Friseur. denn in seinem fusseligen Haar war die mittlerweile ausgeblichene Farbselektion aus der Regenbogenpalette eingearbeitet. Dieses Unterfangen dürfte am Prenzelberg allerdings kein Problem darstellen, denn hier wimmelts nur so von "Haare ab für'n 10er", "Notaufnahme", "Locke & Glatze", "Vokuhila" und wie sie alle heißen. Ein Trockenschnitt für 4 Euro ist mir dabei allerdings nicht wirklich geheuer! Ich selber schlich also lang genug um all diese Lokale, nahm all meinen Mut zusammen & nu sindse ab, "Fräulein Schneider" hat's gerichtet. Kurz. Jetzt blickt mir im Spiegel ein Gesicht entgegen, welches mit 4 Jahren schonmal ähnlich blickte. Aber's gefällt. Auch mir!

"Habt ihr mal eine kleine Spende für einen Obdachlosen, eine kleine Spende, Spende für einen Obdachlosen eine kleine Spende? - KURZE PAUSE - Eine kleine Spende für einen Obdachlosen, eine kleine Spende habt ihr?" - sein Revier und das seines auffällig geformten Mundes ist die Oderberger Straße, dort wo die blonden Kellnerinnen von anderen Planeten in rosanen Schühchen ihren Gästen auf sehr persönliche Art & Weise Speisen der Karte empfehlen ("das mit dem Hähnchen würd ich auch essen - das mit Gemüse ist - uuuuarrrgh - immer so ein wenig matschig und schmeckt luschig") . ahhhja, wie gut, dass meine Senora B. & mein Ebayzahnarzt C. gerade vor mir die Gemüsevariation bestellt hatten!

Am Wegesrand sind ebenso obskure Dinge zu bestaunen, von ihren Besitzern zeitweilig abgestellt. So zum Beispiel ein Drahtesel in stolzem Rossgewand, ich könnte auch einfach sagen als Pappkartonpferd verkleidet ... sehr genau umgesetzt und gewiss eine Wonne beim Gallopp durch den Prenzlauer Berg. Vielleicht kein Wildfang - aber sicherlich ein Blickfang! (das Bild dazu gibt's dann mal bei Gelegenheit)

Meine treuen Begleiter Aischa & Ollo sind nach Urlauben in alle Himmelsrichtungen wieder eingetroffen & so saßen wir schon wieder in der U-Bahn auf Enteckungsfahrt - Wochenendprogramm im Sonnenschein. Ja, den gab's hier irgendwann im August! Dahlem & Schöneberg. Jetzt kenne ich die Hauptstraße in Dahlem, den Eingang vom Botanischen Garten inclusive Eintrittspreis und das Kühlregal einer Tanke. Naja, die representativste Auswahl ist das nicht, aber immerhin "been there, done that". Schöneberg scheint tatsächlich schön zu sein, soweit so etwas nach einer Stunde behauptet werden darf. Auch dort sind vereinzelt be-schmunzelbare Ecken zu finden. Insbesondere beim Window-Shopping.

Sonnengebleicht die Auslegware eines Haushaltwarenladens. Zwischen Lockenwicklern, Fönsets und Kaffeemaschinen in hellblau-ausgeblichenen Verpackungskartons, die auf lange im-Schaufenster-Verweildauer hindeuten, ich traue meinen Augen nicht . ein kleines liegendes ausgestopftes Rehkitz! Darüber ein Schild: "Ich hab's probiert, ich bleib dabei." Wobei??? Beim Kurzhaarschnitt? Beim Ausgestopft-sein? Beim Liegen? Ich gestehe: ich verstehe nicht. Was um alles in der Welt hat dieses Tier zwischen der Auslegeware zu suchen? Und was um alles in der Welt hat der - ebenso ausgestopfte - Dachs im Nebenschaufenster zwischen anderen Elektrogeräten zu suchen? Ich gebe des Weiteren zu: Schaufenster sind nicht mein Gestaltungsbereich. Ein wenig gestalte ich aber doch mit . mit der Reflektion meiner knatsch-bunt-blauen Neuerwerbung im Schaufenster: ein japanisches Bambi-T-Shirt! Ob das wohl ein Zeichen ist??? Und wenn, was für eins? Unbeantworteter Fragen trotten wir zur U-Bahn zurück & finden uns zum Sonntagsausklang auf einer Decke im Mauerpark wieder ein.

Der Wind scheucht die Wolken über den Himmel und der Prenzelberg bewegt sich in der untergehenden Sonne - mit und ohne Hund, auf Rad, Flip-Flop, Dreirad oder Frisbee über die Wiese, der Flohmarkt hat noch die Pforten geöffnet - doch ich halte einen gesunden Abstand . die Tücke der Berliner Kram-Läden & Jung-Designer-Lädchen! Sie besitzt ein großes Potential tiefe Löcher in mein neues Geburtstagsportemonnaie zu fressen. So lausche ich lieber der elektronischen Musik, die aus den Lautsprechern einer der zahlreichen Sand-Strandbars am Mauerpark ertönt & scanne den Horizont nach Steak-im-Brötchen-Verkaufenden Grillmenschen ab. Erfolglos. So rutscht die Aufmerksamkeit vom Bauch wieder in den Kopf & Gedanken haben dort wieder Platz.

Seltsamer Gedanke: Die Mauer war hier. Wie wenige Jahre liegen dazwischen - zwischen Todesstreifen & jetzt, und vor allem wie viele Meter nur trennten damals? Und nun . im ehemaligen Todesstreifen tummelt sich das blühende Leben, am Hang als Knospenform in Gelb und Weiß und Lila, an der Mauer als abblätternde Sprayer Bildnisse und auf der Wiese als Menschenform in jonglierend, hund_gassigehend, musikmachend, biertrinkend, lenkdrachen_fuchtelnd, wasserpfeife_rauchend, braunes_zelt_aus_teppich_bauend, auf_decken_turtelnd_und_schmusend_knutschend, auf_kinder_holzfahrrädern_flitzend und natürlich auch und vor allem als lässig_cool_aussehend! Mag sein, dass ich das durch meine weiße 50's-style-Brille nur so wahrnehme ;-)) aber es ist herrlich. Aischa liest neben mir einen Kunst-Bericht über einen Kronenleuchter bestehend aus 14.000 Tampons und Ollo faselt etwas von einem Diamantenbestimmungsbuch, welches er jetzt sofort gern zur Hand hätte - ähhh, die Verrückten sitzen glaub ich jetzt mittlerweile dichter an & in meinem Leben als ich dachte!! Aber wie mir lieb ist! Perfekte Komposition - "life's too short to throw it all away" dröhnts mittlerweile aus den Lautsprechern im Park - hach, wie sich's doch immer alles so schön fügt ;-)

Ansonsten waren die Verrückten der Stadt diesmal bei mir zu Besuch. Ich beherbergte in meinem Hinterhofreich eine bunte Mischung aus Menschen meines Lebens. 11 an der Zahl = 22 Juli-Tage als Herbergsmutter. Kein schlechter Schnitt. Die Kombi "viel versprechende Hauptstadt" und "ich als Lockstoff" scheint zu wirken ;-) Ich hab's genossen und meine Matratzenburg bau ich jederzeit gern wieder auf. Zum ersten Heimaturlaub hab ich bereits selber angesetzt & sogar den zweiten erfolgreich abgeschlossen. Dazwischen fiel der heilige Benedetti und seine Pilgerschaft in Köln ein. Die "Hilfe, hol mich hier raus, die Wittenberger Pfarrjugend schleicht mit Flöten & Trommeln zu unchristlichen Zeiten ums Haus und musiziert vergnügt!" konnte ich nur aus der Ferne mit hilflosem Achselzucken hinnehmen. Von Zuhause aus. Ja, hier ist ZUHAUSE!

Langsam wird es daher Zeit die Inhalte der letzten Küchenkartons auf die noch anzubringenden Regalbretter zu verteilen. Längst hat sich das Auge an diesen Kartonstapelbau gewöhnt. Ich pflege ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen Mitbewohnern, den Weberknechten. Insbesondere die Familie im Badezimmer lasse ich in Ruhe. Nur gelegentlich schnappe ich mir das große Weizenglas, meine Handschuhe & ein Stück Karton. Dann betreibe ich Kleintierumsiedlung und sehe zu, dass auch alle Beinchen mitkommen. Der Fleck tropisches Grün im Innenhof dürfte mittlerweile an Weberknecht-Überpopulation leiden - aber meine Gelassenheit gegenüber diesen Langbeinern ist dann halt doch nicht immer sooo ausgeprägt. Also werden Weberknecht-Familienvereinigungen auf dem Grünstreifen vor meinem Fenster weiterhin gefeiert, jedes Mal wenn ich ein weiteres Mitglied dieser Sippe bei mir über Bord feuere. Vielleicht kümmert sich aber auch bei Anbruch der Dunkelheit meine - ebenfalls bereits 1 Mal aus dem Fenster beförderte - Fledermaus im Fluge darum. Gestern Nacht hatte sie mal wieder ihren Gastauftritt.

"The Fleder was here - Part III" - die Berlinale braucht eine neue Filmkategorie! Nächtliche Handy-Filmerie! Meine Fähigkeiten als Kamerafrau hab ich also letzte Nacht unter Beweis gestellt! Wie ein sachter Hubschrauberschlag tönte ihr Segelflug in meinem dunklen Schlafzimmer. Als ich das mitbekam legte ich mich der erneut eingeflogenen Fleder gegen 02:30 Uhr auf die Lauer. Und, was braucht man für eine gute Szene ??? ... LICHT. Na klar. Also, machte ich mich fachfraulich am Lichtschalter zu schaffen und vertrieb so das kleine Wesen ins Wohnzimmer. (Nach dieser Pleite werde ich natürlich überdenken, ob ich mir nicht fachkundige Hilfe von waschechten Beleuchtern einhole, wenn ich meinen nächsten bahnbrechenden Clip drehen möchte! Vielleicht sind Kapazitäten frei ... biete verlockendes Berlinquartier im Gegenzug!). Die Hauptakteurin Fleder hingegen probte unerschrocken ihren Flug in den Weiten meiner Wohnung weiter. Ein paar Runden im Flur, dann ab in die Küche, zurück ins Wohnzimmer & ins Schlafzimmer. Ganze 10 Minuten in knackigen 84 Sekunden festgehalten und Blair-Witch-Project mäßig zusammengefasst (und dreimal darfste raten Nadja ... hab ich diesen Film wohl gesehen???). Pure Handkameraführung natürlich! Ich fasse mal den Inhalt zusammen, da der Film als experimenteller Streifen nicht in allen hiesigen Kinos gezeigt werden wird: Meine Inneneinrichtung aus sehr ungünstigen Perspektiven und Lichtverhältnissen heraus in groben Schwenks gezeigt. Als Highlight erscheint die Akteurin in meiner Sequenz im Halbdunkel nur ganz kurz (und auch nur für die, die gute Augen haben), segelt als schwarzer Fleck von rechts oben nach links unten über das kleine 176x144 Pixel-Display. Ihre Gage? Wahrscheinlich ein noch nicht über Bord beförderter Weberknecht! Ich vermisse nämlich den, der neulich einen Tag lang an meiner Spüle saß! Als Handy-Videoclip-Macherin könnte ich wohl also auch Dankesreden auf einem dieser Podien schwingen ... mich an erster Stelle bei der Fleder bedanken, bei meinem Schutzengel, der mir eine Kollision mit der Flatterin ersparte, bei meiner Geistesgegenwart, der üppig bestückten Weberknechtfamilie & nicht zuletzt bei meiner Ma und und und und dann würde ich gerührt in Tränen ausbrechen. So oder so ähnlich. Ihr werdet ja sehen!

Kulturell hab ich mich natürlich auch ein wenig umgetan: Der Demolier-gefährdete Palast der Republik - liebevoll Erich's Lampenlädchen genannt - wurde fotografisch vom photografischer (Schleichwerbung an dieser Stelle für dich Ollo. Sobald ich die Seite fertig hab darf natürlich unter www.photografischer.de geguckt werden!) & mir festgehalten und ein Open-Air-Improvisationstheater wurde besucht. Und gelacht. Wusste gar nicht, dass sowas solchen Unterhaltungswert hat!

Natur gabs natürlich auch in den letzten 2 Monaten. Die Steinpilzsuche am Wannsee blieb allerdings erfolglos. Dafür wurde der FKK-Teufelsbadesee entdeckt & mit ausreichend bewertet. Zuviel rohes Fleisch gen Sonnenstrahlen auf kleinem Fleck gereckt. Schöner ist da doch der spärlicher besiedelte und weitläufigere Strand des Wannsees. Und draußen wurde geschlafen in Selchow. In der Hängematte. Der Sternenhimmel sah aus wie ein Sommersprossengesicht im Schwarzlicht. Wunderbar gesprenkelte Sicht in die Nacht. Mit Lagerfeuer und bei Sonnenaufgang im See schwimmen, mich in Kuhfladenweiden im Morgentau verlaufen & Country-Western-Band-Klängen lauschen... so war auch das ein erfüllendes Wochenendprogramm im August. Dazwischen liegt Arbeit am Computer und darüber schreib ich hier nix.

Ich frag mich, wann der Tag kommt, an dem auch ich meine Sätze mit "Na, icke...." beginne. Bis dahin gibts bestimmt noch den ein oder anderen (vielleicht auch spannenderen) Bericht im Massenmailformat. Ich habe hier Scheinbar keinen Einfluss auf die Verrückten aus dem silbrigen Cocon & ihre Geschichten - muss mich in Geduld üben bis erzählenswertes vor meinen Augen produziert wird & derweil meine eigenen Geschichten erleben & erzählen. So wie ich's grad tat. Freue mich jederzeit auch über Gegenberichte aus den anderen Regionen. Von euch. Auch von den weniger schreibsüchtigen von Euch - die weit verbreitete Telefonie & Besucherie sind auch gelegentlich meine Lieblingsbeschäftigungen. Und ich bemühe mich um persönliche Meldung.

Und nun kann's getrost September werden.
Liebste Grüße aus dem Berliner Schreibstübli,
Stef - Henna oder Stefanie (Artikel von: 06.09.2005, stegau)