[Home]>

"Mama, ich liebe Dich!"

Claudia ist neun Jahre alt. "Ich liebe dich. Ich sah dir ins Gesicht, wollte sagen, ich liebe dich! O doch, du würdest mir nicht glauben, nun sitz' ich hier mit Tränen in den Augen." Ein Gedicht, gelesen in einer Mädchenzeitschrift. Für ihre Mutter. "Sie kommt in fünf Tagen." Claudia lebt im Karl-Schreiner-Haus, einem Kinderheim im Essener Süden. Claudia ist eine soziale Waise. Arm in einem reichen Land.

Ein Bild von Pinocchio hängt neben der hellblauen Tür. Claudias Zimmer mißt etwa 20 Quadratmeter, im Moment wohnt sie hier alleine. An der hellgrün gestrichenen Wand hängt ein Bild von einem Rehkitz, über dem Bett schräg gegenüber eine Löwenfamilie. Ein Pferd mit langer weißer Mähne auf dem Schreibtisch. Und violetten Hufen. "Kannst du reiten? Ich habe mal im Urlaub im Sauerland ein Pferd geritten." Maxim hieß es. Claudia lächelt, sie lächelt oft. Manchmal weint sie auch.

"Ich gab dir mein Herz und spüre den Schmerz, der tief in mir sitzt, weil du hast mich verletzt. Muß das sein? Ja oder nein?" Claudias Vater ist unbekannt, die Mutter macht eine Therapie in einer betreuten Wohnung. Der Grund: Alkohol. Einer von vielen Versuchen schon, von der Sucht loszukommen.

"Seit fünf Jahren wohne ich hier", erzählt Claudia. Die Gruppe 1 des Karl-Schreiner-Hauses, benannt nach der Räubertochter Ronja, ist eine "Regelgruppe", wie es im Fachjargon heißt. Genehmigt nach den Paragraphen 34, 35 und 41 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Vier Erzieher versorgen maximal 10 Kinder rund um die Uhr. "Eine Rückführung von Claudia zu ihrer Mutter ist schon mehrmals schief gegangen", erzählt Britta Ließem, Gruppenleiterin. Zum Glück war immer wieder ein Platz auf derselben Gruppe frei. "Aber jedesmal stirbt etwas in den Kindern."

Claudia kuschelt viel. Sie hat dunkelbraune Augen, schulterlanges brünettes Haar, ist vielleicht 1,40 Meter groß. Sie trägt ein durchsichtig gestricktes blaues Feinhemd, eine schwarze Trainingshose. Ein kleines Mädchen ist weiß auf die Träger gestickt. "Kannst du dein Bein mit zwei Händen umgreifen?" Schon nach einer halben Stunden vertraut sie ihrem Besuch. "Das Haus ist sehr offen, viele Leute kommen und gehen", sucht die Leiterin eine Begründung. "Vielleicht sind auch die häufig wechselnden Partner ihrer Mutter der Grund. Jedesmal war es gleich der neue Papa." Körperpflege, gesunde Ernährung, Höflichkeit. "Wir wollen den Kindern hier ein Stück Perspektive mitgeben. Für viele Kinder ist es gut, hier zu leben."

89 Plätze bietet das Karl-Schreiner-Haus insgesamt an. In Essen wohnen 601 Kinder in Heimen. 1999, so der Kinderbericht der Stadt, lebten 14,5 Prozent aller Kinder von der Sozialhilfe. Die "Großstadt für Kinder", so der Werbeslogan auf vielen Plakaten, liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 6,1 Prozent. "Unser oberstes Ziel ist es eigentlich, uns überflüssig zu machen", beschreibt die Heimleiterin Rosa Maser-Winkels den Anspruch. Und sieht es mit Skepsis. "Die Zeiten sind geprägt von ständiger Veränderung. Familien werden immer häufiger haltlos, sind überfordert." Sie erfüllten nicht mehr die Ansprüche an eine Beziehung. Gleichzeitig fehle es den Kindern an eigenen Vorbildern. "Sie konsumieren alles, wichtig ist der richtige Markenpullover. Unser kleines Weltverbesserungsgericht mit Che Gueverra an der Wand existiert heute nicht mehr." Die Heimkinder seien dadurch verstärkt geprägt. "Wer was hat, der ist was", beschreibt Maser-Winkels. Ausdruck der Gesellschaft.

Natürlich könnte die Personaldecke des Hauses besser sein. "Es liegen 1000 Konzepte in den Schubladen. Aber eine halbe Beschäftigungsstelle mehr für jede Gruppe wäre schon toll", so Maser-Winkels. Sozialarbeit könne nicht innerhalb von zwei Monaten das geradebiegen, was die Gesellschaft in Jahren angerichtet habe, an dem alle anderen Institutionen schon gescheitert seien. "Die Heimerziehung ist dabei besser, als ihr Ruf. Viele schaffen es. Sie sollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein zufriedenes Leben führen können." Aber Sozialarbeit koste auch viel Geld.

Auf einem weißen Blatt, ein Gedicht für die Mutter. Ein Geschenk für sie, wenn sie Claudia besucht. "Gib mir eine Antwort auf meine Frage. Jedoch es ist eine Plage. Ich sitze jetzt hier und schreibe dieses Gedicht. So daß auch du es weißt. Ich liebe dich!"

(Artikel von: 03.05.1999, Jörg Stroisch)