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Schnäppchen unterm Hammer

Fundstücke. Handys, Laptops, Sporttaschen – es gibt fast nichts, was nicht im Zug oder im Flieger, im Schwimmbad oder auf der Straße vergessen oder verloren wird. Was keiner abholt, wird versteigert.

Der große schwarze Hartschalenkoffer ist schwer. Das sehen die rund 350 Neugierigen an den vor Anstrengung verzerrten Gesichtern der beiden Hilfskräfte auf der Bühne. Mit lautem Knall stellen sie ihn nach Vorne, so dass alle ihn sehen können. Was mag drin sein? Das bleibt zunächst ein Geheimnis, denn der Koffer wird erst nach der Versteigerung geöffnet. „Die Leute wollen das so“, erzählt Maren Wendt vom gleichnamigen Auktionshaus in Darmstadt. Hier wird versteigert, was weltweit bei Lufthansa vergessen und nicht abgeholt wird – durchschnittlich 500 verlorene Gepäckstücke pro Monat. Irgendwann, so berichtet sie, habe einer 50 Euro blind geboten. Und daraus hat sich eine Art Kultveranstaltung entwickelt. Zu den Lufthansa-Versteigerungen kommen in der Zwischenzeit ganze Reisebusse voll Bietwütiger.

Ihr Mindesteinsatz: 15 Euro für Taschen, 50 Euro für Koffer. Und dann geht das Bieten los. Wer mehr zahlen will, zückt sein Schild. Wird er nicht überboten, heißt es „Zum ersten, zum zweiten und zum dritten“, dann findet ein Eigentümerwechsel statt. „Das höchste Gebot lag einmal bei über 250 Euro“, so Maren Wendt. Oft werden ganz normale Dinge in den Koffern gefunden. „Wir haben unwissentlich aber auch schon andere Dinge versteigert“, kichert Maren Wendt. Und erzählt von einer Perücke, die mit allerlei Tand und Stöckelschuhen in Größe 48 in einem Koffer war und von einer Lederpeitsche.

Nicht ganz blind wird bei Gabriella Hoffmann geboten. „Ich werfe einen Blick in die Tasche, und gebe Stichworte, zum Beispiel Damen, Herren, kleine Kamera.“ Ihr Auktionshaus versteigert, was im Frankfurter Flughafen liegen bleibt – neulich beispielsweise einen nagelneuen Gleitschirm für 190 Euro. Ab und zu sind afrikanische Musikinstrumente dabei, wertvoller Schmuck und immer wieder Handys. „Wir haben auch oft neue Laptops, die gehen so für 1.000 Euro weg“, erzählt sie. Auch bei der Deutschen Bahn wird nur selten blind geboten: Die Versteigerer öffnen die Koffer jeden Donnerstag in Wuppertal und halten einzelne Gegenstände hoch. „Sie beantworten auch Fragen nach der Größe von Kleidungsstücken“, weiß Ariane Alzer, Pressesprecherin. Bei der Bahn und bei Gabriella Hoffmann liegt das Mindestgebot in der Regel unter zehn Euro. Den Preis bestimmt das Publikum durch Bieten. „Für eine vollständige Leica-Ausrüstung haben wir einmal 2.000 Euro bekommen“, erklärt Gabriella Hoffmann. Mit ein bisschen Glück kann also richtig Wertvolles für wenig Geld ersteigert werden.

Doch auf einen Koffer voller Geld für 100 Euro sollte keiner hoffen. Denn zum Beispiel bei Jörg Sattler, dem Leiter des Fundbüros im Frankfurter Flughafen, werden die gefundenen Gepäckstücke geöffnet und für drei Monate gelagert. „Bargeld wird auf ein Konto eingezahlt. Finden wir Drogen oder Waffen, werden die Behörden eingeschaltet“, sagt er. Bis zu 45 Prozent der gefundenen Gegenstände können ihrem Besitzer zugeordnet werden. Der Rest landet im Auktionshaus von Gabriella Hoffmann – auch so ungewöhnliche Dinge wie Kühlschränke oder Holzbeine. Die Deutsche Bahn ergänzt diese Liste noch um ein Bundesverdienstkreuz, das Fundbüro Berlin um eine Washburn-Gitarre, die für 90 Euro versteigert wurde. Hella Dubrowsky aus der Pressestelle der Berliner Verkehrsbetriebe erinnert sich an eine Zahnprothese. „Sie ist aber ein Unikat! Besonders gerne werden bei uns Sportbeutel vergessen“, berichtet sie. Ansonsten: Handys, Schlüssel, Schirme, Handschuhe. Was nicht vom Besitzer abgeholt wird, versteigert das Auktionshaus Beier in Berlin. Das sind etwa 30 Prozent der Fundstücke.

Etwas weniger kommt beim Fundbüro der Stadt München unter den Hammer: Im Jahr 2002 waren es 12.244 von insgesamt 67.563 Fundstücken. Davon fielen 805 in den Bereich Fahrrad, Roller, Kinderwagen. Und weil das eine ganze Menge ist, werden jährlich zwei eigene Fahrradversteigerungen gemacht. Der nächste Termin stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Christopher Habl, Pressesprecher des Kreisverwaltungsamtes, zu dem das Fundbüro gehört: „Für ein Fahrrad wird bei unseren Versteigerungen durchschnittlich 50 Euro gezahlt“. Den selben Preis nennt auch Manfred Schneider, Leiter des Zentralen Fundbüros in Berlin. Er ergänzt: „Die Preisspanne reicht von fünf bis 300 Euro, je nachdem, wie gut es in Schuss ist!“.

Weblinks zum Thema
Commerzbank Journal: Zwangsversteigerung
Deutschland unterm Hammer

(Artikel von: 24.08.2005, betbla)