Wie das Leben wieder schön wird
Professionelle Hilfe von Therapeuten hilft auch Senioren
Karl H. ist 60 und steht mitten im Leben. Doch immer häufiger vergisst er Termine bei der Arbeit, fragt sich mehrfach, welcher Tag, welches Datum ist. Er wird immer unsicherer, wirkt überfordert. Sein Zustand macht ihm Angst, er weiß nicht mehr weiter.
Eine Geschichte, wie Andreas Ackermann sie häufig hört. Er arbeitet als Psychogerontologe an der Universität in Erlangen. Am Gedächtniszentrum der Universität hilft er reifen Menschen, die Probleme mit dem Gedächtnis haben. "Vergesslichkeit muss nicht immer Alzheimer sein", erklärt er, "doch je bekannter diese Krankheit wird, um so mehr Menschen haben Angst davor, sie zu bekommen". So auch Karl H.
Eine Angst, die von den Verwandten und Freunden nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Denn Angst kann ein Auslöser für einen Selbstmordversuch sein. Das Kompetenznetz Depression zum Beispiel weiß, dass Männer ihrem Leben häufiger selbst ein Ende setzen als Frauen, ab 65 Jahren steigt die Suizidrate bei Männern geradezu sprunghaft an, so die Statistik.
Aber Angst vor Vergesslichkeit ist nicht der einzigen Grund für Selbsttötungsabsichten. Martin Teising, Professor an der Fachhochschule in Frankfurt am Main hat im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit den Lehrstuhl Gerontopsychatrie, Psychoanalyse. Aus seiner Praxiserfahrung erzählt er: "Ein 63-jähriger Ingenieur muss verfrüht aus dem Beruf ausscheiden und möchte seinen großen Schreibtisch mit nach Hause bringen. Seine Frau droht darauf, ihn zu verlassen. Der Mann fühlte sich seiner Frau nicht mehr gewachsen, fühlt sich unerträglich abhängig und wollte sich töten." Anderer Fall: Eine Frau, 72, hat nicht genügend Geld, scheut den Gang zum Sozialamt und schämt sich vor ihren Kindern und Enkelkindern, weil sie keine Geschenke mitbringen kann. Suizidversuch.
"Isolation, Abhängigkeiten von anderen, Depressionen, Krankheiten - all das kann zu einem Selbstmord führen", weiß der Professor. "Aber den Leuten kann geholfen werden". Denn die Zahl der Psychotherapeuten, die sich auch um ältere Menschen kümmern, nimmt langsam zu. "Letztendlich regelt auch der Markt die Nachfrage", so Teising. Die heute 60-Jährigen seien 1944 geboren, also 1968 24 Jahre alt gewesen. "Das ist die Generation, die Vieles zu hinterfragen begann", erklärt der Gerontopsychiater. "Wer in Deutschland vorher geboren wurde, hatte eingeimpft bekommen, hart zu sein. Gefühle spielten keine Rolle. Die Generationen, die nach dem Krieg geboren sind, nehmen eher unsere Hilfe an, als ältere Menschen, und so gibt es auch langsam mehr und mehr Therapeuten, die sich auf Ältere spezialisieren".
Einfach sei diese Entscheidung für die Psychotherapeuten oft nicht, weil die Forschung bisher häufig der Meinung war, dass Menschen ab einem bestimmten Alter zu rigide, zu festgefahren seien, um sich noch einmal zu ändern. Dass das nicht stimme, zeige sich nun allmählich. Hinzu komme, dass Psychologen, wenn sie jüngere Menschen therapieren, deren Lebenssituationen schon kennen und gemeistert haben, und darum einfacher Lebenshilfe geben können. "Wer ältere Menschen therapiert, behandelt Patienten im Alter seiner Eltern. Und die scheinen Probleme zu haben, die man selbst noch nicht kennt, weil man noch nicht in ihrer Situation war", so Teising.
Doch die Erfahrungen sprechen für die Gerontopsychotherapie. So auch bei Andreas Ackermann am Erlanger Gedächtniszentrum. Er erklärt das Verfahren: "Wir prüfen zunächst einmal, woher der Gedächtnisverlust kommt. Liegt es an einer Überlastung durch den Beruf? Oder kommt es zum Beispiel durch die Einnahme von Medikamenten?" Die Patienten müssen in einem Teil des Diagnoseverfahrens Zahlenreihen verbinden und nachsprechen oder sich Wörter und Bilder merken. Natürlich werden sie auch von Ärzten medizinisch untersucht. Als Therapie kann bei Bedarf ein so genanntes Gedächtnistraining angeboten werden. Dazu kommen die Patienten einen Tag in der Woche nach Erlangen. In einer Gruppe machen sie dann Gedächtnis- und Körperübungen, sitzen in Gesprächsrunden zusammen und bekommen Hausaufgaben. "Man kann mit einer solchen Therapie durchaus eine Besserung des Gedächtnisses erreichen", so Ackermann. "Der Austausch mit anderen Betroffenen wirkt sich positiv auf die Psyche aus", ergänzt er. "Wenn es sich aber tatsächlich um die Krankheit Alzheimer handelt, ist das Ziel, den Status Quo aufrechtzuerhalten. Alzheimer ist eine fortschreitende Erkrankung, die sich noch nicht heilen lässt", fügt er hinzu.
"Den meisten Leuten sind ihre Gedächtnisprobleme peinlich, und sie verstecken sich hinter einer Fassade.", so der Erlanger Gerontopsychologe. "Fragt man jemanden, was er gefrühstückt habe, bekommt man häufig nur ausweichende Antworten. Zum Beispiel 'Wie immer!" oder 'Ach, das ist so unwichtig, das merke ich mir gar nicht'." Dabei sei es wichtig, zur Erkrankung zu stehen, denn nur so könne man Hilfe bekommen - von Ärzten und Angehörigen. Willi Rückert, Abteilungsleiter Sozialwirtschaft beim Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln hebt ebenfalls hervor, wie wichtig es ist, die Menschen im Umfeld derer, die Gedächtnisprobleme haben, mit einzubeziehen: "Sie müssen beziehungsfähig gemacht werden, müssen lernen, dass Menschen mit merkwürdigem Verhalten nicht böse sondern krank sind, und dass es wichtig ist, wie man ihnen begegnet". Den Erkrankten müsse man Vertrautheit und Wohlbefinden vermitteln - und das mit allen Sinnen.
Das ist für die Familien der Betroffenen keine leichte Aufgabe. Denn selten haben Laien Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Gedächtnisproblemen. Hilfe finden Betroffene - sowohl Erkrankte als auch deren Familien - in einem ersten Schritt beim Hausarzt. Der kann zumindest einige Informationen geben. Auch die Krankenkassen wissen häufig Rat und Gerontopsychotherapeuten in der näheren Umgebung. "Wichtig ist, dass man so früh wie möglich in Therapie geht, denn je früher man beginnt, umso eher kann man damit auch etwas erreichen", erklärt Andreas Ackermann.
Das gilt sowohl für das Gedächtnistraining als auch für die Therapie von Ängsten oder Depressionen. Das zeigen die Geschichten der Patienten von Martin Teising: Die 72-jährige Frau hatte zwei Jahre nach der Therapie ein Nachgespräch. Sie war voll Lebensfreude und in einer neuen Partnerschaft. Auch der Ingenieur wurde durch die Gespräche mit dem Therapeuten wieder stabiler und konnte mit der professionellen Hilfe seine Probleme erkennen. "Mit seinen neugewonnen Einsichten konnte der Mann sein Ruhestandsleben besser gestalten", erklärt der Gerontopsychotherapeut.
Beim Kuratorium Deutsche Altershilfe ist die Broschüre "Hilfen zur Kommunikation bei Demenz" erschienen. Sie kostet 9,80 Euro und kann telefonisch bestellt werden unter 0221-93184731.
Weblinks zum Thema
Was ist Gerontopsychotherapie
Patienten-Ratgeber
(Artikel von: 23.08.2005, betbla)